Zwei Reisbällchen oder ein Leben in Saus und Braus

Junichiro Tanizakis Roman Naomi ist ein Klassiker der modernen japanischen Literatur. Es ist ein wunderbares Buch, und besonders hat mich entzückt, dass es einer der wenigen Romane ist, in dem tatsächlich auch die Zahlen des Alltags vorkommen.
Es spielt grob in den 1920er Jahren in Tokio und handelt von einem Ingenieur Ende zwanzig, der die Frau seiner Träume findet, mit ihr in ein modernes Haus zusammenzieht und sie heiratet. Seine Frau bleibt daheim und nimmt Englisch- und Musikunterricht. Er verwöhnt sie mit Unmengen an schönen Kleidern, gutem Essen und Tanzunterricht bei einer russischen Adeligen.
Mit anderen Worten, sie leben in Saus und Braus. Und was kostet die Welt? Aus heutiger Sicht schockierend wenig. Die monatliche Miete für das Haus beträgt zunächst 20, später 35 Yen, für extravagante, maßgeschneiderte Kimonos werden 50 bis 60 Yen fällig, die Privatstunden kosten 25 Yen im Monat.
Der Protagonist kann sich das leisten, weil er zu Beginn des Buches 150 Yen im Monat Lohn erhält und dann rasch Gehaltserhöhungen bekommt, sodass er monatlich ungefähr 400 Yen verdient.
Heute kosten in Tokio zwei Reisbällchen aus dem Supermarkt um die 250 Yen, umgerechnet ca. 2 Euro. Das heißt also, Inflation hat den Yen in den letzten hundert Jahren radikal entwertet. Ein gutes Monatsgehalt der 1920er würde heute mit Mühe für ein einfaches Mittagessen reichen.
Das ist aber kein Phänomen, das nur in Japan auftrat. Fast alle Länder haben eine solche Entwicklung hinter sich. Inflation ist die Regel und nicht die Ausnahme, weswegen Bargeld in einem Tresor zwar sicher vor Diebstahl sein mag, nicht aber vor dem stetigen Wertverlust.
Wer alte Bücher liest, sollte mal darauf achten, was Dinge früher gekostet haben. Es ist eine gute Warnung davor, Geld als langfristig werthaltig zu betrachten. Wer weiß, vielleicht stolpert jemand im Deutschland der 2120er über diese Kolumne und muss ein wenig schmunzeln, während er seinen 2.000 Euro teuren Cappuccino schlürft.
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