„Wer gewinnt das Rennen ums autonome Fahren?“ ‒ Nicht das Unternehmen, an das du denkst!

Die milliardenschweren Börsengänge der amerikanischen Taxi-Apps sind in vollem Gange und Tesla (WKN:A1CX3T) kündigt das „nächste große Ding“ an. Beim selbst fahrenden Auto, auch Robotertaxi genannt, will Elon Musk dem Wettbewerb enteilen.
In der aktuellen Diskussion entsteht dabei bisweilen der Eindruck, als ob es bei der fahrerlosen Mobilität nur einen Gewinner geben kann. Das ist jedoch falsch.
Darum geht’s
Wer unterwegs gerne etwas Produktiveres oder Unterhaltsameres macht, als konstant auf den Verkehr zu achten, der wird dank der fahrerlosen Mobilität genau das tun können, ohne dafür einen Fahrzeugführer bezahlen zu müssen. Das ist für viele Menschen eine Menge wert – und wo so viel Nutzen geschöpft wird, entstehen natürlich auch massive Geschäftspotenziale. Deshalb fließen aktuell in Amerika, Asien und Europa viele Milliarden in die Entwicklung entsprechender Technologien.
In den Diskussionsforen überschlagen sich die Meinungen, welches Unternehmen dabei wohl die Nase vorn habe. Die einen sind sich sicher, dass es Tesla sein muss, während andere denken, dass eher Cruise Automation, eine Tochter von General Motors (WKN:A1C9CM), am weitesten in der Entwicklung sei. Jede Menge weitere Start-ups, IT-Giganten, Autohersteller und Zulieferer melden ebenfalls Ansprüche auf die Technologieführerschaft an.
Aber Fahrzeugautonomie ist keine Suchmaschine. Das Thema ist so komplex, dass es viele Gewinner geben kann.
Auf die Anwendung kommt es an
Fahrerlose Transportsysteme gibt es ja eigentlich auch schon seit Langem, angefangen bei Lift, Seilbahn und Rolltreppe. In vielen Städten weltweit verkehren sogar seit über drei Jahrzehnten fahrerlose Stadtschnellbahnen etwa von Siemens (WKN:723610). Solche Systeme verbinden in ähnlicher Form auch Flughafenterminals. In der Logistik wiederum kennt man seit einigen Jahren automatisch fahrende Vehikel, durch die Betriebe eine Menge Personal einsparen können. Jungheinrich (WKN:621993) hat beispielsweise eine ganze Reihe von automatisierten Flurförderzeugen im Programm.
Diese einfachen Beispiele zeigen, dass es sehr auf die Umgebung ankommt, welche Art von Technologie notwendig ist. Wo der Arbeitsbereich überschaubar und klar definiert ist, braucht es keine extrem aufwendige Echtzeit-Videoauswertung. Eine zuverlässige Personen- und Hinderniserkennung per Sicherheits-Laserscanner genügt. Hoch entwickelte kognitive Fähigkeiten zur Erfassung und Auswertung einer (zum Teil) unbekannten Umgebung sind also häufig nicht erforderlich, um Güter oder Menschen fahrerlos und gefahrlos von A nach B zu transportieren.
Aber was ist mit dem mehr oder weniger intelligenten Robotaxi, das in der Lage sein soll, sich auch außerhalb geschützter Bereiche zurechtzufinden? Müsste dort nicht dasjenige Unternehmen gewinnen, das als erstes eine zugelassene Lösung präsentieren kann und dann weltweit auf die Straßen bringt?
Darum wird es viele Gewinner geben
Dazu muss man sich überlegen, dass selbst wir Menschen uns nicht überall gleich gut zurechtfinden. Ein Stadtmensch, der in die Berge zieht, wird in den ersten Wochen wahrscheinlich zunächst eher unsicher über Stock und Stein gehen. Ein eingefleischter Landmensch wiederum, der frisch in eine Großstadt kommt, wird zunächst Schwierigkeiten haben, eine viel befahrene Straße zu überqueren. Adaption ist hier gefordert, und was für uns schon schwierig ist, dürfte für Maschinen fast unmöglich sein.
Deshalb wird es zum Beispiel Robotaxis geben, die erfolgreich in klassischen Metropolen einsetzbar sind, und andere fahrerlose Mobile, die im Überlandverkehr oder für ländliche Gebiete besser geeignet sind. Egal ob enge Gassen, unbefestigte Pisten oder sechsspurige Stadtautobahn: Kein Unternehmen kann in allen Disziplinen dem Wettbewerb überlegen sein.
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Hinzu kommt, dass autonomes Fahren nicht eine „monolithische“ Technologie ist, sondern vielmehr eine Kombination aus vielen Technologien. Ein Unternehmen wie Schaeffler (WKN:SHA015) konzentriert sich zum Beispiel darauf, die computergesteuerten Fahrbefehle in tatsächliche Bewegung umzusetzen, während Infineon (WKN:623100) unter anderem Chips für Assistenzsysteme entwickelt, die die vielfältigen Sensordaten zuverlässig in Echtzeit einsammeln und verarbeiten.
Rechnet man alle Chips, Sensoren, Softwarebausteine, Navigationssysteme, Fahrzeugkomponenten, Transportplattformen und Dienstleistungen zusammen, dann kommt man vermutlich auf weit über Hundert aussichtsreiche Profiteure des autonomen Fahrens. Viele davon sind flexibel aufgestellt und können damit zu unterschiedlichen Lösungen ihren Beitrag leisten.
Auf was setzen?
Die Robotaxivision ist sicherlich faszinierend, aber ich denke nicht, dass sie ein Allheilmittel für jeden Mobilitätsbedarf darstellt. Alternativen wie zum Beispiel der elektrifizierte Tretroller, der mich zur gegebenenfalls fahrerlosen Straßenbahn und von dort weiter zu meinem Ziel (und auch wieder zurück) bringt, finde ich ebenfalls spannend, während für kürzere Strecken das Fahrrad die Nummer 1 bleibt.
Meiner Meinung nach sollten wir als interessierte Anleger versuchen, das Marktpotenzial und die für ein einzelnes Unternehmen eroberbaren Marktanteile realistisch einzuschätzen. Im Zweifelsfall bietet es sich an, eher auf Zulieferer zu setzen, deren Technologie bereits für heute verfügbare Assistenzsysteme gebraucht werden und die durch ihre starke Marktposition mit hoher Wahrscheinlichkeit von der wachsenden Nachfrage nach Systemen für mehr Fahrzeugautonomie profitieren können.
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Ralf Anders besitzt Aktien von Schaeffler und partizipiert über ein von ihm betreutes Indexzertifikat an der Aktienentwicklung von Siemens und Infineon. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Tesla.